Lull Gillen
SPORTS 21.12.1944
Der „Fliegende Student“ LUCIEN GILLEN Wenn ich hier die Feder über einen Luxemburger Rennfahrer ergreife, so ist es, weil dieser Fahrer sich nicht nur als leuchtender Stern am Luxemburger, sondern auch am internationalen Radsporthimmel abhebt. Dabei erhebe ich durchaus nicht den Anspruch, ihn entdeckt zu haben; auch kommt es mir gar nicht darauf an, ihn durch die Großmacht Presse zu irgend einem Zweck zu „lancieren“, sondern dieser Stern leuchtet so klar und hell, dass man einfach nicht achtlos an ihm vorübergehen kann. Er leuchtet klar durch seine bisherigen Taten, er leuchtet hell, weil seine Strahlen eines Tages auch weit über unseren engeren Raum hinaus einer ganzen Radsportwelt verkünden werden, dass Luxemburg abermals einen Rennfahrer allerbester Währung geboren hat. Man sagt, dass Luxemburg sehr gute, aber leider nur periodisch Rennfahrer von internationalem Format hervorbringt. Wenn man an die kurze Dynastie der François Faber, Nicolas Frantz und Mathias Clemens denkt, so muss man sogar hinzufügen, dass diese Dynastien sogar nur den Straßenrennsport regierten und dass in bezug auf den Bahnsport, und speziell in der Reihe der „Flieger“, Luxemburg noch nicht im gleichen Zuge mit den absolut internationalen Größen genannt wurde. Es ist nun eigentümlich, dass im Augenblick, wo sich im Straßenrennsport eine Lücke aufzutun, diejenige im Bahnfahren sich zu schließen beginnt: durch den „Fliegenden Studenten“, den Stadtluxemburger L u c i e n G i l l en. Ist der Name uns übrigens nicht schon vor Jahren aufgefallen, damals, als die „Biscuits Parein“ unsere Kleinen durch ihre Trottinetten-Veranstaltungen beglückten und der kaum 11jährige Lull Gillen „Rennen auf Rennen“ sozusagen im Kanter gewann? Am 7. Oktober 1928 geboren, nahm Lull allmählich an Alterund – Radsportkenntnissen zu. Eine Course reihte sich an die andere und in der Kategorie, in der Lull startete, stand das Ergebnis schon zum Voraus fest. Es gab eben im Lande, das der Besetzer als Bestandteil des Gaues Moselland im 1000jährigen Reich wähnte, einfach keine ernsthafte Konkurrenz für Lull Gillen. Und wie glänzten unsere Augen, als dieser Stockluxemburger eines Tages hinging und einem Ansturm sämtlicher Gaue standhielt und sich als Allerbester, als sogenannten Reichsjugendmeister einer erstaunten Welt vorstellen durfte. Man bedenke: Heute nach der Befreiung Luxemburg zählt Lull Gillen erst knapp 16 Jahre. 59 Rennen figurieren auf dessen „record“, und die Tabelle der Siege ist mit der Zahl 56 ausgefüllt! Und an oberster Stelle glänzt jener unvergleichliche Doppelsieg über einen der schnellsten Fahrer des Kontinents, den reichsdeutschen Amateurmeister Bunzel in Singen am Bodensee und auf der Luxemburger Rennbahn. Man übersehe nicht: kaum 16jähriger Jugendmeister gegen drahtigen, ausgekochten, bärenstarken und gazellenflinken Amateurmeister! Und doch siegte der Luxemburger „Bo’f“ … Im gleichen Zuge wurde in Singen der holländische Amateurmeister Beyster „erledigt“ und alle Welt war sich darüber einig, dass Lull Gillen die große Hoffnung nach dem unseligen Kriege sei. Wir haben diesen jungen Riesen (1,86 m groß) am Werke gesehen. Wir haben auch verglichen: Und wenn Henri Desgrange immer wieder schrieb, dass bei einem Rennfahrer nur „la tête et les jambes“ zählen, so bedauern wir, dass wir dem leider verstorbenen großen französischen Fachmann zur Illustrierung seines Grundsatzes den jungen Luxemburger Studenten der Tertia, Lull Gillen, nicht präsentieren können. Wie er im Sattel sitzt, geradezu wie mit seiner Maschine verwachsen, dem Gegner jede Regung und Absicht abstudiert, ihm selbst aber jede Finte und jeden Trick verheimlicht und im gegebenen Augenblick die unmöglichsten Tricks auf Lager hält, das verrät Souveränität, Können – einfach Klasse! Knapp 3 Jahre ist Lull Gillen im „Betrieb“. Dieser war durch die Kriegsverhältnisse gewissermaßen beschränkt. Aber wir erwarten mit Sehnsucht den Tag, wo die Grenzen der Länder sich wieder auftun und die Pforten der internationalen Rennbahnen sich wieder öffnen werden. Wir wollen nicht Prophet spielen, aber unser Vertrauen sagt uns, dass der Name des Luxemburgers Lull Gillen eines Tages, über die Weltklasse-Amateure hinweg, auf jenen Plakaten glänzen wird, die uns von Welt-Begegnungen der Fliegerrennen in der Berufsklasse künden werden. Und auch von den sensationellen Mannschaftsfahren, in welcher Spezialität sich Lull Gillen nachgerade als Virtuose und Akrobat auszuwachsen scheint… SPECTATOR